Praxis für Lerntherapie
Katharina Franke

Abgrenzung LRS und Legasthenie

Kennen Sie das vielleicht von Ihrem Kind: Sie haben stundenlang gelernt und Ihr Kind weiß immer noch nicht genau, wie man das kleine Wörtchen „hier“ schreibt? Oder es kann Ihnen zwar die drei Wortarten nennen, aber beim Schreiben von Texten werden trotzdem die meisten Worte klein geschrieben? Und das Lesen gelingt, wenn sich Ihr Kind überhaupt darauf einlässt, immer noch nur stockend?

In diesen Fällen kann eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) oder Legasthenie eine Ursache für diese Probleme sein. Im Alltag und leider auch in der Wissenschaft werden diese beiden Begriffe oft synonym verwendet, es wird oftmals nicht unterschieden, ob ein Kind eine LRS oder eine Legasthenie hat. Für die lerntherapeutische Arbeit ist diese Abgrenzung aber wichtig für die Gestaltung der Therapie, daher gehe ich hier kurz auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser beiden Phänomene ein.

Bei beiden Erscheinungsbildern sehen die Probleme auf den ersten Blick identisch aus: Die Kinder zeigen die typischen Rechtschreibfehler und Probleme beim Lesen (siehe auch „Symptome und Begleiterscheinungen“). Doch typischerweise treten bei vielen der legasthenen Kinder zudem noch weitere Besonderheiten auf, welche sich so bei Kindern mit einer LRS nicht immer zeigen. Diese Begleiterscheinungen können die folgenden vier Bereiche betreffen:

  • auditive Wahrnehmungsstörungen
  • visuelle Wahrnehmungsstörungen
  • motorische Probleme
  • psychische Folgen der Lernprobleme

Hinzu kommt, dass sich die beiden Phänomene erheblich in ihrem Ausprägungsgrad unterscheiden. Während eine LRS in der Regel über einen begrenzten Zeitraum besteht und relativ gut über eine effektive Lerntherapie zu beheben ist, begleitet einen eine Legasthenie ein Leben lang. Natürlich kann man über eine individuell konzipierte Lerntherapie deutliche Fortschritte und Verbesserungen erzielen, trotzdem wäre es leichtsinnig, Ihnen hier zu versprechen, dass ich Ihrem legasthenen Kind zu einem fehlerfreien Leser und/oder Schreiber verhelfen könnte. Und dennoch heißt eine Legasthenie heute nicht automatisch, dass ein erfolgreiches Lernen nicht möglich ist! Beispiele wie Albert Einstein, Quentin Tarantino oder der Politiker Bodo Ramelow zeigen, dass auch legasthene Menschen durchaus beruflich sehr erfolgreich sein können!

Bis heute ist sich die Wissenschaft nicht ganz einig, warum ein Kind von einer Legasthenie betroffen ist. Einige Forscher gehen davon aus, dass es eine genetische Disposition für diese Lese- und/oder Schreibschwierigkeiten und die damit einhergehenden Wahrnehmungsveränderungen gibt. In der Tat zeigt die Erfahrung in der Praxis, dass es einige Familien gibt, in denen gehäuft Menschen zu finden sind, die Probleme beim Lesen und Schreiben haben. Ein anderer Erklärungsansatz ist der, dass legasthene Kinder sogenannte kognitive Funktionsdefizite aufweisen, welche das Erlernen des Lesens und Schreibens erschweren. Diese Funktionsdefizite sind vor allem Defizite in der phonologischen (auditiven) und visuellen Informationsverarbeitung, d.h. dass die Kinder z.B. Schwierigkeiten haben beim Heraushören der Laute eines Wortes oder beim Erkennen der einzelnen Buchstaben und ihrer Charakteristika. Zudem weisen legasthene Kinder häufig auch Probleme bei ihrer Aufmerksamkeitsregulation und Konzentrationsfähigkeit auf, vor allem bezogen auf Buchstaben/Symbole. So gibt es Kinder, die sich beispielsweise stundenlang mit Legos beschäftigen, aber sich kaum eine Minute auf einen Lesetext konzentrieren können.

Eine LRS ist im Gegensatz zur Legasthenie erworben, hier stehen also eher umweltbedingte Entstehungsgründe im Vordergrund, wie z.B. folgende: die Art des Unterrichts, Fehlzeiten durch Krankheiten des Kindes, Gefühle der Überforderung, fehlende Unterstützung bei schulischen Angelegenheiten, familiäre Probleme.

Doch auch wenn eine LRS und eine Legasthenie beim Blick in das Schulheft des Kindes gleich aussehen, unterscheidet sich deren Therapie grundsätzlich. Bei einer LRS führt ein strukturiertes und individuell aufgebautes Symptomtraining (also Training an den spezifischen Rechtschreib- und Lesefehlern) zu einer deutlichen Verbesserung der Fähigkeiten des Kindes. Dieses alleine würde jedoch bei einem legasthenen Kind nicht zu einem vergleichbaren Erfolg führen. Bei diesem konzentriert sich die Therapie auch auf die einzelnen Wahrnehmungsbereiche (auditiv und visuell) sowie die Fähigkeit des Kindes, seine Aufmerksamkeit auf die Buchstaben zu fokussieren. Zudem kann die Lerntherapie auch dabei unterstützen, Hilfsstrategien zu erarbeiten, wie sich das Kind im Alltag bzw. in der Schule mit dem Lesen und Schreiben besser zurecht finden kann, z.B. über den Einsatz von Leseschablonen oder ähnlichen Hilfsmitteln.