Praxis für Lerntherapie
Katharina Franke

Abgrenzung Rechenschwäche und Dyskalkulie

Julian, 10 Jahre, wiederholt gerade die vierte Klasse und kann immer noch nicht das Einmaleins. Frieda ist in der ersten Klasse und kann sich auch nach vielem Üben mit Mama und Papa einfach nicht merken, wie viel 3 + 4 ist. Und Lena ist 13 Jahre alt, tut sich schon immer im Matheunterricht extrem schwer und hat seit neuestem aufgehört sich mit ihren Freundinnen zu treffen, da die Mädchen inzwischen selbstständig ihre Verabredungen planen und Lena immer noch nicht die Uhrzeiten lesen kann. All diese Kinder haben eine Dyskalkulie oder Rechenschwäche!

Wie bei der Legasthenie und LRS werden auch die Begriffe Dyskalkulie und Rechenschwäche häufig synonym verwendet, es wird also nicht unterschieden, ob ein Kind eine Dyskalkulie oder eine Rechenschwäche hat. Doch auch hier gibt es zwischen den beiden Phänomenen wichtige Unterschiede, die für die lerntherapeutische Arbeit von entscheidender Bedeutung sind.

Bei beiden Erscheinungsbildern kommt es zu den gleichen, typischen Problemen und Fehlern (siehe auch „Symptome und Begleiterscheinungen“), wobei Kinder mit einer Dyskalkulie zudem weitere Wahrnehmungsdefizite aufweisen können, unter anderem bezogen auf die zeitliche oder örtliche Orientierung. So kann mir Julian beispielsweise nicht genau sagen, wann er Geburtstag hat und ist sich auch nach vier Jahren Schulzeit noch unsicher bei der Orientierung in seiner Schule. Oft besuchte Räume (wie z.B. den Klassenraum, die Sporthalle oder den Speisesaal) findet er inzwischen sicher, aber Räume, die er nur selten besucht (wie etwa einen Leseraum für das gemeinsame Lesen mit den Lesepaten), findet er nur mit Hilfestellung.

Außerdem unterscheiden sich die Dyskalkulie und Rechenschwäche in ihrem Ausprägungsgrad und den vermuteten Ursachen, denn bis heute ist man sich in der Wissenschaft über diese nicht vollständig im Klaren. Aber man geht davon aus, dass eine Dyskalkulie genetisch bedingt ist, also innerhalb einer Familie öfter auftreten kann. Auch geht man von spezifischen kognitiven Funktionsdefiziten aus, die aufgrund einer nicht adäquat ausgeprägten Entwicklung bestimmter Hirnregionen entstehen. Diese Defizite betreffen etwa den Bereich des numerischen Mengenverständnisses (die Fähigkeit, den Ziffern die jeweilige Menge zuzuordnen und deren Größe einzuschätzen) oder den Bereich der sprachlichen Verarbeitung von mathematischen Informationen.

Eine Rechenschwäche hingegen ist eine erworbene Lernschwäche, sie wird also durch umweltbedingte Entstehungsgründe hervorgerufen. Beispiele für solche Gründe sind: die Art des Unterrichts, Fehlzeiten durch Krankheiten des Kindes, Gefühle der Überforderung, fehlende Unterstützung bei schulischen Angelegenheiten, familiäre Probleme.

Ein weiterer Unterschied ist der Ausprägungsgrad bzw. die Dauer der jeweiligen Beeinträchtigung. Eine Rechenschwäche ist bei lerntherapeutischer Intervention gut behandelbar und somit zeitlich begrenzt, sie spricht also sehr gut auf eine effektive Lernförderung an. Eine Dyskalkulie hingegen bleibt, wie eine Legasthenie, ein Leben lang bestehen, auch wenn man natürlich über eine qualifizierte Lerntherapie deutliche Fortschritte erreichen kann!

Auch wenn im Unterricht dyskalkule und rechenschwache Kinder die gleichen Schwierigkeiten aufweisen, unterscheidet sich deren Therapie grundsätzlich. Bei einer Rechenschwäche führt ein strukturiertes und individuell aufgebautes Symptomtraining (also ein Training an den individuellen, spezifischen Rechenfehlern) zu einer deutlichen Verbesserung der Rechenkompetenzen. Bei einem dyskalkulen Kind reicht ein solches Training allein jedoch nicht aus, weshalb auch so manch intensive Übungseinheiten mit Mama oder Papa leider ohne Erfolg bleiben. Die Lerntherapie konzentriert sich bei diesen Kindern auch auf deren Wahrnehmungsfähigkeiten (z.B. zeitliche und örtliche Orientierung) sowie auf die Förderung des logischen Denkens. Außerdem werden mit dem einzelnen Kind individuelle Lernstrategien erarbeitet, damit sich das Kind im Alltag bzw. in der Schule besser mit dem Rechnen zurecht finden kann, z.B. über den Einsatz von konkretem Handlungsmaterial.