Praxis für Lerntherapie
Katharina Franke

Lerntherapie - Was ist das eigentlich?

In den letzten Jahren ist es zu einem regelrechten Trend geworden: Die Lerntherapie ist immer mehr Thema in den Schulen, aber auch bei so manchen Eltern. Doch was genau kann man unter einer Lerntherapie verstehen?

Oftmals werden Nachhilfe und Lerntherapie gleichgesetzt: Bei beiden Disziplinen geht es darum, mit Kindern zu lernen. Und dennoch gibt es etliche Unterschiede zwischen diesen beiden Richtungen. Die Lerntherapie umfasst weitaus mehr als die klassische Nachhilfe.

Bei der Nachhilfe geht es oftmals darum, einem Schüler dabei zu helfen, die Noten zu verbessern (oder zu halten) oder bestimmte inhaltliche Lücken zu schließen. Dabei kann der Nachhilfelehrer ein Schüler aus der Oberstufe sein, die Lieblings-Erzieherin aus der OGS oder auch die Nachbarin von nebenan, in der Regel verfügen diese Personen nicht über spezifische Qualifikationen für die Unterstützung des kindlichen Lernens. Zum Einsatz kommen häufig die typischen Unterlagen, mit denen das Kind auch in der Schule arbeitet: das Schulbuch, die Arbeitszettel oder das Workbook. Ziel ist es, über das Nach- und Vorbereiten des Schulstoffes den Anschluss an die Klasse wiederzugewinnen bzw. zu halten.

Die Lerntherapie hingegen verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Im Blickpunkt ist das Kind mit all seinen Schwächen, aber vor allem auch Stärken! Dabei geht es nicht nur um die schulischen Kompetenzen, sondern vor allem auch um die psychischen und sozialen Fähigkeiten des Kindes. Neben der Arbeit an den Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen geht es auch darum, das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen des Kindes zu stärken, positive soziale Verhaltensweisen zu fördern und auch allgemeine Strategien zu erlernen, um sich selbst im Alltag und beim Lernen besser zu strukturieren. Dabei orientiert sich der lerntherapeutische Behandlungsansatz weniger an den aktuellen schulischen Themen, sondern baut vielmehr auf dem tatsächlichen Leistungsstand des Kindes auf. Wenn also ein Kind in der vierten Klasse noch nicht das kleine Einmaleins automatisiert hat, auch wenn das Thema der zweiten und dritten Klasse war, wird zunächst dieses Ziel angestrebt, bevor man aktuellere Schulthemen anspricht. Denn letztendlich verhält es sich bei unserem Lernen wie bei einem Hausbau: Wir müssen erst den Keller (die Grundlagen) sicherstellen, bevor wir die weiteren Etagen darauf aufbauen. Und wir Erwachsenen würden an der Volkshochschule auch nicht mit dem Experten-Kurs für das Erlernen einer Fremdsprache starten, sondern erst einmal einen Einsteigerkurs belegen.
Dabei versuchen Lerntherapeuten eine große Bandbreite an verschiedenen Methoden und Materialien in ihrer Arbeit mit dem Kind einzusetzen. Da viele Kinder, die eine lerntherapeutische Förderung erhalten, bereits eine Art Schulfrust aufgebaut haben und die Arbeit mit den typischen Lernmaterialien (Schulbuch, Arbeitsblätter etc.) teilweise vehement ablehnen, versucht die Lerntherapie, die Lerninhalte eher spielerisch zu vermitteln. So gibt es etliche Spiele, um die verschiedensten Themen in den Bereichen des Lesens, Schreibens oder Rechnens zu vermitteln. Zudem versuchen Lerntherapeuten auch Bewegungselemente in die Therapie zu integrieren, damit ein Lernen mit allen Sinnen (Augen, Ohren, Körperbewegung) ermöglicht wird.

Leider ist die Berufsbezeichnung des Lerntherapeuten kein gesetzlich geschützter Begriff, das heißt für die Ausübung dieser Tätigkeit bedarf es keiner bestimmten Ausbildung. Dies ist ein unglaublich bedauerlicher Umstand, gerade da viele der Kinder, die wir innerhalb der Lerntherapie begleiten, eine lange Leidensgeschichte hinter sich haben und daher dringend eine professionelle und effektive Unterstützung benötigen. Umso wichtiger ist es, bei den einzelnen Lerntherapeuten genau hinzuschauen, welche Qualifikationen sie tatsächlich zu ihrer Arbeit mitbringen! Nur so hat das Kind langfristig eine Chance auf Erfolg, der für die Persönlichkeitsentwicklung so bedeutend ist.